Wo lohnen sich Investments?
Wachstumsmärkte: Geschäftschancen weltweit nutzen – IHK-Veranstaltung über wachstumsstarke Länder.


Die aktuellen weltwirtschaftlichen Verwerfungen stellen die deutsche Außenwirtschaft vor große Herausforderungen: Um Risiken zu begrenzen, sollten die Abhängigkeiten von einzelnen Partnerländern verringert und die Aktivitäten auf neue chancenreiche Regionen erweitert werden – Stichwort Diversifizierung. Dies empfahl Dr. Manuel Hertel, stellvertretender Leiter des IHK-Geschäftsbereichs International, bei der IHK-Veranstaltung „Wachstumsmärkte der Zukunft – Your ticket around the World“.
Sie informierte über Marktzugang und Investitionsbedingungen in diesen neun Ländern: Argentinien, Chile, Georgien, Malaysia, Thailand, Taiwan, Ägypten, Marokko und Usbekistan. Sie gehören zu den Staaten, für die Wirtschaftsinstitute eine überdurchschnittliche wirtschaftliche Dynamik und ein hohes Wachstum der Importe vorhersagen. Bereits im Herbst vergangenen Jahres hatte die IHK über neun weitere chancenreiche Länder informiert (WiM 10-11/2024, Seite 24/25).
Argentinien: Radikale Reformen hat der vor gut einem Jahr gewählte Präsident Javier Gerardo Milei in Angriff genommen. Um das in den letzten Jahrzehnten durch häufige Wirtschaftskrisen gebeutelte Land wieder auf Kurs zu bringen, baut er die Subventionen drastisch ab, hat die Zahl der Ministerien auf zehn halbiert und insbesondere die Bekämpfung der chronisch hohen, bis zu dreistelligen Inflationsrate zu einer Hauptaufgabe gemacht. Erste Erfolge gerade bei der Senkung der Inflation seien bereits sichtbar, so Gunther Neubert von der Deutsch-Argentinischen AHK in Buenos Aires. Er sieht Chancen für deutsche Unternehmen beispielsweise auf diesen Feldern: Die exportstarke Landwirtschaft stehe unter Modernisierungsdruck, gefragt seien etwa smarte Agrartechnologien. Ausländisches Kapital und Technologie werden für die Modernisierung der Bergwerkstechnik benötigt, u. a. in Patagonien, wo sich die größten Öl- und Gasschieferlagerstätten der Welt befinden. Außerdem verfügt Argentinien über das zweitgrößte Lithiumvorkommen der Welt und zusätzlich über Nickel und Kupfer.
Chile sei gut geeignet, um in das Lateinamerika-Geschäft einzusteigen. Diese Meinung vertrat Philip Bartsch von der Deutsch-Chilenischen AHK in Santiago. Das Land sei seit 1990 eine stabile Demokratie, eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften und das erste OECD-Mitglied Südamerikas. Das Interims-Handelsabkommen mit der EU, das am 1. Februar dieses Jahres in Kraft getreten ist, dürfte den beiderseitigen Handel erleichtern. Wünschenswert sei aus Sicht der AHK aber zusätzlich ein Doppelbesteuerungsabkommen mit Chile. In dem Land wird stark in Nachhaltigkeit investiert, u. a. in erneuerbare Energien, Wasserstoff, Kreislaufwirtschaft und Abfallmanagement. Hier böten sich ebenso Chancen wie in der Digitalisierung, die beispielsweise in Gesundheitswesen und Bergbau vorangetrieben wird. Stark gefragt und angesehen seien in Chile deutsche Exportprodukte wie Fahrzeuge, Maschinen, Anlagen und Medizintechnik.
Georgien: Parallelen zu Deutschland in der Wirtschaftswunderzeit sieht Thomas Kimmeswenger, Geschäftsführer der Deutschen Wirtschaftsvereinigung Georgien in Tiflis, der das Wirtschaftsleben in dem Land so beschrieb: „Georgien ist ein Abenteuer, situationselastisch und dynamisch.“ Das vielfältige Land mit sieben Klimazonen exportiere vor allem Lebensmittel. Als altes Mitglied der Seidenstraße könne es ein wichtiges Bindeglied zwischen Europa und Asien sein. Trotz der oligarchischen Wirtschaftsstruktur könne man in Georgien Geschäfte machen. Allerdings sei es schwierig, Arbeitskräfte zu finden. Im Land müsse sich auch noch stärker die Einsicht durchsetzen, dass langfristige Partnerschaften und Investments kurzfristigen Geschäften vorzuziehen seien.
Malaysia: Das südostasiatische Land gehört zur ASEAN-Wirtschaftsgemeinschaft, die weltweit eine der dynamischsten Regionen überhaupt sei, so Asienexpertin Katharina Wittke von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) in Berlin. Unter den zehn ASEAN-Mitgliedern gelte Malaysia sogar als der Hoffnungsträger – nicht zuletzt aufgrund der weit überdurchschnittlichen Exportquote. Wichtige Ausfuhrprodukte sind elektronische Produkte, Solarpaneele und Halbleiter. Ein hoffnungsvolles Zeichen für eine stärkere Anbindung an die EU ist, dass die Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen Anfang dieses Jahres wieder aufgenommen wurden.
Thailand: In Arbeit ist auch ein Freihandelsabkommen der EU mit Thailand – einem weiteren ASEAN-Mitglied. Als Produktionsstandort und Exporteur ist das Land laut Katharina Wittke stark in globale Lieferketten eingebunden – beispielsweise in den Bereichen Automobilwirtschaft, Nahrungsmittelproduktion und Petrochemie. Die Regierung bemühe sich um ein gutes Investitionsklima und schaffe mit Sonderwirtschaftszonen Anreize für ausländische Investitionen. Bei einem Engagement in Thailand sollten deutsche Unternehmen sich aber mit Hemmnissen wie Wechselkursproblemen und dem Mangel an Führungskräften beschäftigen.
Taiwan: Die Frage des Verhältnisses zu China steht in Taiwan über allen anderen Themen, so Linda Blechert von der Deutsch-Taiwanesischen Auslandshandelskammer in Taipeh. Trotz der politischen Spannungen habe es Taiwan geschafft, ein wohlhabendes Land zu werden, das sich in zahlreichen Hightech-Bereichen unverzichtbar gemacht habe. Das gelte insbesondere für Halbleiter, bei denen man um Taiwan nicht herumkomme. Zudem exportiert das Land vor allem Informations- und Kommunikationstechnik sowie Fahrzeuge und Fahrzeugtechnik.
Ägypten: Der arabische Schlüsselstaat bietet sich als Partner in der Energietechnik an. Ägypten treibe die Umstellung auf erneuerbare Energien entschlossen voran, berichtete Karin Elshafei von der Deutsch-Arabischen Auslandshandelskammer in Kairo. Bis zum Jahr 2035 solle der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung auf über 40 Prozent verdoppelt werden. Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder hatte bei seinem Besuch im Oktober 2024 eine Absichtserklärung unterzeichnet, um die Zusammenarbeit bei Wasserstoff und Flüssiggas auszubauen. Zudem punkte Ägypten mit seiner strategischen Lage am Suezkanal, der nicht nur für die Weltwirtschaft, sondern auch für den ägyptischen Außenhandel selbst herausragende Bedeutung habe. Ein weiterer Ansatzpunkt für deutsche Unternehmen könnten die ehrgeizigen Städtebau-Programme der ägyptischen Regierung sein: Geplant seien im ganzen Land 14 sogenannte Smart Citys – also Städte der Zukunft mit intelligenten Mobilitäts-, Digital- und Energielösungen.
Marokko: Auf dem afrikanischen Kontinent sei Marokko eines der stabilsten und modernsten Länder, sagte Claudia Schmidt von der Deutsch-Marokkanischen AHK in Casablanca. Das Königreich investiere massiv, um für gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Für ausländische Investoren, die sich in Marokko ansiedeln wollen, gebe es massive Steuervorteile sowie sieben sogenannte industrielle Beschleunigungszonen. Durch die wirtschaftsfreundliche Politik sei das Land ein wichtiger Standort für die Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie für andere Hightech-Branchen. Zur überdurchschnittlichen Exportquote trägt die Ausfuhr von jährlich rund 900 000 Fahrzeugen bei, womit Marokko Südafrika überholt hat. Wichtige Sektoren, in die kräftig investiert und für die ausländisches Know-how willkommen ist, sind Landwirtschaft, Wasserwirtschaft sowie Textil- und Lederindustrie. Seit 2009 treibt Marokko die Energiewende voran und investiert intensiv in erneuerbare Energien.
Usbekistan: Das zentralasiatische Land hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich und politisch stark geöffnet, so die Einschätzung von Eduard Kinsbruner, Delegierter der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien. Er lobte auch die zahlreichen Reformen der Regierung, sodass sich auch deutsche Unternehmen verstärkt für Geschäfte mit Usbekistan interessieren. Textilien, landwirtschaftliche Produkte und zunehmend auch industrielle Rohstoffe könnten zollfrei in die EU exportiert werden. Es gebe bereits acht bilaterale Verträge mit Deutschland, die den Handel erleichtern. Technologisches Know-how sowie Maschinen und Autos aus Deutschland seien sehr angesehen und gefragt. Über 200 deutsche Unternehmen sind derzeit dort engagiert. Eine Herausforderung liege für sie in der Logistik, da das Land keinen Zugang zu den Weltmeeren habe.
Autorin: Antje Schweinfurth
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